13.10.2017

von B°

DRK im Gespräch

Dr. Rudolf Seiters in Neue Osnabrücker Zeitung: "Es ist das Miteinander, das die Dinge voranbringt"

Dr. Rudolf Seiters

Das Deutsche Rote Kreuz (DRK) gratuliert seinem Präsidenten Dr. Rudolf Seiters zum 80. Geburtstag. Neunmal wurde Rudolf Seiters direkt ins Parlament gewählt – ein seltener Vertrauensbeweis. Parallel machte der Jurist eine steile politische Karriere. Heute wird der Präsident des DRK 80 Jahre alt – im Gespräch mit der Neuen Osnabrücker Zeitung (13. Oktober 2017) zieht er die Bilanz eines reichen Lebens. 

Frage: Herr Seiters, 33 Jahre haben Sie den Wahlkreis Emsland/Ostfriesland im Bundestag vertreten. Hätten Sie bei Ihrem Abschied 2002 gedacht, dass mit der AfD Rechtsextreme ins Parlament einziehen?

Dr. Rudolf Seiters: Ganz klar: nein. Zwar hatten wir in den vergangenen Jahrzehnten hin und wieder einmal ein Aufflackern der NPD erlebt oder auch anderer Splittergruppen wie die Republikaner. Dieser Spuk ging allerdings schnell vorbei, er hatte keine wirkliche Basis in der Bevölkerung. Das Erschreckende an der AfD ist nicht nur das rechtspopulistische und in Teilen rechtsextreme Gedankengut, sondern auch die teilweise menschenverachtende Sprache, oftmals der Hass und die Empörungswut. Ich bin mir sicher: Der Deutsche Bundestag unter der Leitung eines Präsidenten Wolfgang Schäuble wird die AfD bei derartigen Auswüchsen in die Schranken weisen.

Frage: Sie haben den CSU-Granden Franz-Josef Strauß erlebt. Sein Satz „Rechts von der CSU darf es keine demokratisch legitimierte Partei geben“ wird viel zitiert. Was ist falsch gelaufen, dass es anders kam? 

Dr. Rudolf Seiters: Die Stärke der Bundesrepublik lag unter anderem auch daran, dass es zwei große Volksparteien gab, die sich klar voneinander unterschieden, die in Konkurrenz standen und im Sinne von Mitte-rechts und Mitte-links rechte und linke Strömungen einbanden. Die Verantwortung für die jetzige Entwicklung allein der nunmehr seit Langem amtierenden Großen Koalition zuzuweisen, wäre sicherlich zu einfach, auch wenn durch sie Profil verloren gegangen ist. Eine Rolle spielen aber ganz sicherlich manche Ängste, die durch die Unüberschaubarkeit der Globalisierung ausgelöst werden, oder auch die mit dem Flüchtlingszustrom zusammenhängenden Sorgen, die von interessierter politischer Seite geschürt werden. Allerdings: Der zweijährige Streit über die Flüchtlingsobergrenze zwischen CDU und CSU war auch nicht gerade vertrauensbildend. Das hätte schneller entschieden werden können. 

Frage: In Strauß Reden ging es hoch her. Ist die Androhung von AfD-Chef Alexander Gauland: „Wir werden Frau Merkel jagen“ noch als politische Rauflust zu werten? 

Dr. Rudolf Seiters: An der Streitlust und den deftigen Reden von Strauß oder des Sozialdemokraten Herbert Wehner, der stets den Plenarsaal füllte, konnte man sich ja noch erfreuen. Aber „Jagd auf Menschen“ – das ist eine hasserfüllte Sprache! 

Frage: 1991 bis 1993 waren Sie Bundesinnenminister und schon damals stand Terrorbekämpfung ganz oben auf der Agenda. Die RAF wütete in Deutschland. Lassen sich Parallelen zu den Herausforderungen durch den IS ziehen? 

Dr. Rudolf Seiters: Hier lassen sich nur bedingt Parallelen ziehen. Die RAF war eine terroristische Vereinigung, die mit vielen Morden das parlamentarische System in Deutschland erschüttern wollte. Sie wurde von den demokratischen Parteien in Deutschland erfolgreich bekämpft. Der IS steht dagegen für weltweiten religiösen Fanatismus, der hemmungslos unschuldige Männer, Frauen und Kinder tötet. Letzten Endes wird aber auch er nicht siegen.

Frage: Als Chef des Kanzleramtes (April 1989 bis November 1991) haben Sie intensiv daran mitgewirkt, dass die deutsche Wiedervereinigung gelang. Schmerzt Sie der Aufruhr Ost?

Dr. Rudolf Seiters: Der Bundespräsident hat mit seiner bemerkenswerten Rede bei den Einheitsfeierlichkeiten in Mainz die richtige Antwort gegeben. Die Wiedervereinigung Deutschlands war für unser Land und ist auch heute für die allermeisten Menschen ein Grund zur Freude und zur Dankbarkeit. Soweit es in einem Teil unserer Bevölkerung noch oder wieder die angesprochenen Mauern in Herzen und Köpfen gibt, so muss die Politik sie analysieren und berechtigte Kritik aufnehmen. Doch keine Entwicklung in Deutschland, weder im Westen noch im Osten, gibt das Recht zu menschenverachtenden Auftritten, Hass auf Ausländer und dumpfer Empörung. 

Frage: Seit November 2003 sind Sie Präsident des Deutschen Roten Kreuzes, was hat Sie in diesem Amt am meisten bewegt? 

Dr. Rudolf Seiters: Die Fülle der Naturkatastrophen, angefangen beim verheerenden Tsunami in Südasien im Jahre 2004 über das schreckliche Erdbeben in Haiti 2010 und den Wirbelsturm auf den Philippinen, die Not und Verzweiflung von zig Tausenden Menschen im Jemen, in Bangladesch, am Horn von Afrika, der lang andauernde Krieg in Syrien mit dem Ergebnis eines zerstörten Landes, die Gespräche mit Flüchtlingen in den überfüllten Flüchtlingslagern im Libanon.

Frage: Und was waren die schönsten Erlebnisse?

Dr. Rudolf Seiters: Die Begegnung mit über hundert AIDS-Waisenkindern in Lesotho, denen wir zur Aufnahme in anderen Familien geholfen haben, wo sie neue Geschwister bekamen und eine schulische Ausbildung. Jedes Kind trug ein Kästchen in der Hand, das Erinnerungen an seine Eltern aufbewahrte. Für mich war das ein unglaublich emotionaler Moment. Ich denke auch an die 2500 Babys, die in Haiti nach dem Erdbeben in unserem großen Lazarett geboren wurden. Beeindruckend war die sofortige Hilfsbereitschaft von ehrenamtlichen Helferinnen und Helfern bei den Hochwasserfluten in Deutschland. Junge Leute packten an und widerlegten so den Vorwurf, nur an sich selbst zu denken und nicht hilfsbereit zu sein. Welche Leistungen auch bei der Betreuung, der Versorgung und der Tröstung von Flüchtlingen! Wir können stolz darauf sein, wie Deutschland im Jahr 2015 die Flüchtlingskrise gemeistert hat. Wohl kein anderes Land hätte das so hinbekommen.

Frage: Wie lautet Ihre Bilanz?

Dr. Rudolf Seiters: Ich gehe mit der festen Überzeugung aus dem Amt, dass Deutschland – nicht zuletzt durch das ausgeprägte bürgerschaftliche Engagement, allein im Roten Kreuz gibt es 400 000 aktive ehrenamtliche Helferinnen und Helfer – künftige Herausforderungen meistern wird. Welche Bilanz ziehe ich? Ich bin dankbar für die vielen Jahre in der Politik und im Ehrenamt, ich habe dabei viel gelernt. Vor allem aber habe ich erfahren, wie wichtig auch im politischen Handeln dieses ist: Ein innerer Kompass, ein Wertefundament, Bürgernähe, das gegebene und gehaltene Wort, Verlässlichkeit. Immer wieder hat sich bewiesen, wie hilfreich es ist, pragmatisch die überparteiliche Zusammenarbeit zu suchen, um Probleme zu lösen. Es ist das Miteinander, das Dinge voranbringt.

Passend zum Thema

DRK stellt 200.000 Euro für Opfer der Flutkatastrophe in Asien bereit

Die besten Rettungsschwimmer aus Bayern und Mecklenburg-Vorpommern

Fast eine Million Flüchtlinge aus dem Südsudan in Uganda - DRK hilft

Mehr aus der Rubrik

DRK entsendet mobiles Krankenhaus zur Behandlung von Pest-Patienten

Der Vorlesewettbewerb startet in eine neue Runde. 9. Vorlesewettbewerb beginnt / Bundesweiter Meldeschluss für Schulsieger am 15. Dezember 2017 / Vier Sparda-Banken fördern den Wettbewerb

Börsenverein des Deutschen Buchhandels e.V.: Friedenspreis des Deutschen Buchhandels 2017 an Margaret Atwood

Teilen: